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Bleeding Heart Nihilist Productions im Interview

bhn
Das Berliner Underground Label BLEEDING HEART NIHILIST PRODUCTIONS besitzt einen interessanten Roster. Wir haben mit Alex, dem Gründer von BHNP gesprochen und ihm auch zum allgemeinen Ablauf eines Labels gefragt. Falls ihr schon Mal mit den Gedanken gespielt habt ein eigenes Label zu gründen, könnt ihr vielleicht noch die Ein- oder andere wichtige Information entdecken.

Moin Alex, schön das du dir Zeit für ein paar Fragen unsererseits nehmen kannst. Wie gehts? Momentan viel zu tun?
Hi! Es ist Montag – es geht beschissen… danke der Nachfrage! „Viel“ ist ja relativ, aber es gibt auf jeden Fall immer mehr Projekte und Pläne als Zeit dafür. Leerlauf hab ich eigentlich nie, aber es gelingt mir dennoch elegant zu vermeiden, dass das Ganze in konstant seriöser Arbeit mündet. Also ja, dieses Interview kann ich mir gerade noch so vor’m Burnout erlauben.

Du bist der Gründer von „Bleeding Heart Nihilist Productions“ und sollst Gerüchten zufolge auch bei der Berliner Black Metal Band „Hermann“ am Start sein. Was ist dran? Erzähl uns mehr über dich.
Korrekt. Ich bin Plattenmogul bei Bleeding Heart Nihilist Prod. und führe nebenher, quasi als Ableger davon, einen Buchverlag, der da originellerweise heißt: BHN Books. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Underground-/Outsider-Literatur, subversive Lyrik und so Kram.
Musikalisch aktiv bin ich aktuell wie erwähnt als Basser bei Hermann, und außerdem Sänger/Gitarrist/Bassist/Cheerleader für Sunshine & Lollipops. Das ist auch Großraum Black Metal, wenngleich aus einem etwas anderen Blickwinkel. Davor gab es als Nennenswertes vielleicht noch The Razorquillz und ich helfe nebenbei auch noch bei The Problems aus. Der Name ist Programm.
Sonst gibt es eigentlich nicht viel über mich zu erzählen. Ich bin Frühschwimmer mit Seepferdchenabzeichen, ich steh auf Datteln und Doppelkorn und Little Peggy March und geiles Hessisch.

Wie bist du denn auf die Idee gekommen ein Label zu gründen?
Weil niemand sonst meinen eigenen Scheiß rausbringen würde natürlich! Nee, das hat sich einfach so ergeben. Du bist als halbwegs ambitionierter Musiker ja sowieso Teil der Industrie und mit der Zeit kriegst du auch das ein oder andere mit, z.B. dass alle Klischees 100% wahr sind: Banausen greifen die Kohle ab und bauen nur Scheiße, du hast die ganze Arbeit und lebst mit einem Bein in der Gosse. Nicht, dass man heutzutage noch ’nen großen Reibach machen könnte, aber man muss sich als Künstler auch keinem Martyrium aussetzen. Man will sich natürlich lieber ausschließlich mit Musik beschäftigen anstatt irgendwo zu buckeln. Das ist für mich eher so’n naives Lifestyle-Ideal als Marx’sche Arbeitswerttheorie, welche man allerdings ruhig auch mal in diesen Zusammenhang stellen kann, und sollte.
Und dann reizt es mich auch einfach, alternative Möglichkeiten zu schaffen und unkonventionelle Kunst zu unterstützen. Es gibt zuviel Einheitsbrei und Szenekonformismus und alles ist dermaßen ausgelutscht und langweilig. Ich meine, es geht auch anders.

In deinem Roster finden sich interessante Acts wie „Der Feind, oder Sunshine&Lollipops“. Wie findest du Bands für deinen Roster? Wirst du, oder kontaktierst du selbst?
Ich kriege durchschnittlich so zwei, drei Anfragen pro Woche. Ist mir selbst nicht ganz klar, wie die auf BHN kommen. Das ist auch oft kein totaler Käse, aber meistens unpassend für meine persönlichen Vorstellungen, oder sogar komplett anmaßend. Wenn beispielsweise ’ne symphonische Powermetalband anklopft, erkläre ich gerne höflich, dass ich damit nichts anfangen kann, aber bei so Faschoprollscheiße ist natürlich offensichtlich, dass niemand drei Sekunden recherchiert hat, was ich mache. Das ist aber durchaus der einfachste Weg für eine Zusammenarbeit. Also für Nicht-Powermetaler und -Faschoprolls…
Ansonsten „finde“ ich Bands normalerweise in meinem persönlichen Umfeld. Ich bin da noch altmodisch szeneverbunden aufgewachsen. Wenn ich mit irgendwem schon paarmal in ’ner Kneipe abgestürzt bin, hör‘ ich mir dessen Musik wahrscheinlich auch etwas interessierter an als ein unbeschriebenes Blatt. Der Feind sind z.B. total abgefuckte, brandgefährliche Typen, das hat natürlich sofort gefunkt, als wir uns über den Weg liefen. Dass die dann zufällig auch noch 1A 80er Hardcoredeutschpunk ballern, war dann zusätzlicher Luxus. Mit Siniestro sauf ich seit 2010, mit Wigrid seit 1996.

Was macht eine Band für eine Zusammenarbeit mit deinem Label interessant? Welche Voraussetzungen müssen die Künstler mitbringen?
Ich könnte mir bestimmt irgendein komplexes musikalisches Profil aus den Fingern saugen, aber im Prinzip zählt nur rein subjektiv, ob mir die Band gefällt. Das kann buchstäblich alles Mögliche sein. Ich hab‘ nicht angefangen und BHN als Aushängeschild für Black Metal konzipiert mit bestimmtem Quartals-Kontingent für Punkrock plus Thrasherklausel. Das ist zwar eigentlich total dämlich aus betriebswirtschaftlicher Sicht, aber ich bin ja glücklicherweise auch kein ätzender Betriebswirt.
Neben der Musik achte ich auf eine eigene Identität, irgendein erkennbares Bandkonzept. Ich mag Bands, die etwas darstellen oder eine bestimmte Attitüde transportieren.
Danach ist für mich wichtig, was für Leute dahinterstecken. Dass die grundsätzlich ähnlich ticken wie ich. Muss keine Freundschaft fürs Leben werden, aber man kennt ja auch so genug Deppen. Ich nehme keine Spießer, keine Hippies, keine Karrieretypen, keine Hobbymusiker, keine Nachahmer, keine Patrioten, keine Studenten, keine Emos, keine Straight-Edger, keine Mauerblümchen, und schon gar keine Schubladendenker. Idealerweise können die sich andersrum dann auch auf irgendeiner Ebene mit BHN identifizieren, einfach als Summe von möglichst eigenwilligen Künstlern mit gemeinsamem „Firmenethos“.
Dann noch eine rein praktische Bedingung: Bands müssen live-tauglich sein und da ordentlich investieren mit Zeit und Elan. Ansonsten ist der wirtschaftliche Aspekt mit meinen Möglichkeiten heutzutage einfach aussichtslos, und dann braucht man auch keine Tonträger.

Ich muss sagen, dass die Arbeit eines Labels für mich relativ Neuland ist und ich in diesem Bereich nur mit Halbwissen glänzen kann. Wie kann ich mir denn den Alltag eines Labels vorstellen?
Die traurige Realität ist: Ich stehe mittags auf und fange an zu saufen. Dann werden langsam alle angesammelten Emails von aufgebrachten Bandmitgliedern abgearbeitet, gelegentlich auch auf einige der abstrusen Forderungen und Wünsche vordergründig eingegangen. BHN ist auch Distribution, das erfordert etwas tägliche Angebotspflege und gegebenenfalls Bearbeitung und Versand von Bestellungen, was logistisch hier natürlich recht überschaubar ist. Dazu dann der ganze herkömmliche Büroscheiß eines eingetragenen Gewerbes: Rudimentäre Buchhaltung, Rechnungswesen, Steuerzeugs – purer Rock’n’Roll.
Sonst kommt alles drauf an, wo man gerade mit einem aktuellen Projekt steht. Wenn eine neue Veröffentlichung vorbereitet wird, bin ich schlimmstenfalls allein zuständig für Budget, Aufnahmekoordination, Abwicklung von Mix und Mastering, Erstellung/Aufbereitung von Artwork und Packaging, Pressauftrag. Eventuell Releaseparty feiern. Und irgendwer muss die ganzen involvierten Pfeifen auch noch ständig motivieren. Is ja nich so, als würde Musik von sich aus Spaß machen…

Nach VÖ übernimmt das Label die Bemusterung, also Bestückung von so Typen wie euch mit Freiexemplaren und für gewöhnlich extrem einfallslosen Bandinfos und Promotexten. Die schreiben sich leider auch nicht von alleine. Dann geht’s um Vertriebswege und Marketing. Bei Labels mit meiner popligen Veröffentlichungsdichte arbeitet man normal ohne professionellen Vertrieb, heißt also praktisch Klinken putzen bei Mailordern un
d Plattenläden. Nach Möglichkeit Anzeigen schalten oder Samplerbeiträge kaufen, ansonsten DIY-Werbung: Poster pappen, Flyer schmeißen.Wenn man anschließend nicht bankrott ist, geht’s wieder von vorne los. Und falls einem das nicht reicht, kann man natürlich immer an seiner Marke arbeiten. Yuppies nennen das „Brand Management“, glaub‘ ich. Kein Plan. Hat bei mir gerade für ein hässliches Tattoo gereicht.

Wie sieht der Prozess aus,wenn du dich mit einer Band geeinigt hast? Welche Schritte werden dann eingeleitet?
Ich überlege, was ich finanziell stemmen kann und was der Band damit zu bieten ist. Nur Studiokredite vergeben ist für mich kein Label. Manchmal steht die Aufnahme ja sowieso schon, das macht es natürlich einfacher. Dann checkt man gemeinsam, was alle kurz- und langfristig erreichen wollen. Vor dem Hintergrund kann man dann konkrete Veröffentlichungen planen und über alle Details zanken. Bei Bedarf gibt’s auch ’nen ganz üblen Knebelvertrag. Dann fangen alle an zu koksen, und irgendwann wird der Kram dann hoffentlich umgesetzt.

Was war dein erstes eigenes Release bei Bleeding Heart Nihilist Productions?
Das war 2013 eine 7“ EP von Sunshine & Lollipops namens „Heartful of Sunshine“.

Kannst du uns das Gefühl beschreiben, wie du dich gefühlt hast, als du die …. von …. zum ersten mal in der Hand hattest?
In dem Fall war es ja auch noch meine eigene Musik, also fand‘ ich die natürlich dementsprechend gut. Da steckte damals gar nicht mal so viel Arbeit drin, von daher war das auch kein besonders emotionales Ereignis. Hauptsächlich erleichternd, dass ich mit Druck und Pressung nix verbockt hatte. Ich war vorher schon ziemlich desillusioniert, was die Branche angeht, da kommt bei mir so schnell keine Freude auf, nur weil ein Produkt existiert. „Wenn im Wald ein Baum umfällt und keiner ist da, um’s zu hören…“ etc. Falls ich mal eine Nachpressung in der Hand halten sollte, hätte ich garantiert ein besseres Gefühl.
Ich bin anscheinend auch paradoxerweise der letzte Mensch, dem Vinyl relativ scheißegal ist. Das Medium macht für mich keinen Unterschied, solange es „mit Liebe“ gemacht ist und die gewünschte Rezeption unterstützt.

Durch die Arbeit in- und mit dem Untergrund hast du sicherlich die Ein- oder andere Anekdote zu erzählen, hau mal einen raus!
Ich mach mich bestimmt strafbar, wenn ich mit Tourgeschichten anfange, aber das peinlich-/dämlichste, was mir zum Label bisher einfällt, war wohl die Vertragsunterzeichnung mit Der Feind:
Nach Wochen knallharter Verhandlungen war endlich alles geklärt und es sollte feierlich von allen Beteiligten in Blut unterschrieben werden. Kein Ahnung warum, is nicht aus meinem Mist gewachsen. Dabei sogar ein Kamerateam, das an irgendsoner bisher nicht existenten Band-Doku gefilmt hat. Alle dicht natürlich, und dennoch massive Probleme unter harten Punkrockern, sich irgendwo drei Tropfen Blut aus der Hand zu leiern. Sowas kann man ja nich guten Gewissens filmisch festhalten lassen, also hab‘ ich mir, ganz Medienprofi, mit ner Rasierklinge in die Stirn gesäbelt. Wie beim Catchen, allerdings nicht so gekonnt. Is dann nen Zentimeter aufgeklafft und war nach ’ner Stunde extremer Sauerei nur mit aufgehaltener Salzpackung zu stoppen. Selbstverständlich war der ganze Scheißabend auf Kamera, die offenbar jugendschutzbefohlene Memorycard hat einzig selektiv meine Verstümmelung geschluckt. Anschließend auslaufen bei nem Pig/Control-Konzert und ausgewählten Kneipen, wo mir partout niemand abkaufen wollte, dass es keine Baseballschlägerei gab und sowas bei Majorlabels eigentlich gang und gäbe ist. Meine Gesichtsnarbe somit komplett unglaubwürdig!

Wie ist dein persönlicher Eindruck vom aktuellen deutschen Metaluntergrund? Gibts Bands die es dir besonders angetan haben? Abgesehen von deinen eigenen Releases natürlich.
Ich war lange von Metal allgemein ziemlich abgeturnt, vor allem Black Metal war Ende 90er dermaßen tot, dass ich vielleicht ’ne Handvoll Platten in zehn Jahren gekauft habe. Ich kann mich heutzutage auch nicht unbedingt begeistern, aber gemessen daran gibt es wieder eine Menge cooler Sachen. Womit ich nach wie vor ein Problem habe, ist der ganze Retrokult. Ich bin Riesenfan von 80er Thrash, aber 99% der aktuellen Bands sind zum Kotzen langweilig, und wenn sie noch so perfekt kopieren. Black Metal ist ähnlich, nur dass dabei auch noch die ganze Haltung verloren gegangen ist. Image, Artwork, Texte, alles perfekt abgestimmt, alles tiefschürfend und okkult wie Sau, und dann sind das so nette, brave, ausgeglichene Arschlöcher, denen ich das niemals abkaufe. Und erst die ganze Doompop-Sülze! So was von fade und nichtssagend.
Aber zumindest scheint es mir wieder wert, etwas beizutragen. Es ist heute alles transparenter, dadurch gibt es einerseits viel mehr Trittbrettfahrer, die schnell mal Szene machen wollen, sich fette Underground-Credibility im Netz anlesen und in zwo Jahren nichts mehr damit am Hut haben. Dafür bieten sich aber auch mehr Alternativen für Leute, die etwas Besonderes und Authentisches suchen. Man könnte sagen, mir ist die Undergroundszene heute irgendwie gleichzeitig zu tolerant und zu intolerant. Poser verprügeln für mehr Progressivität!
Wenn ich Namedropping machen soll: Into-Endless-Chaos-Kollektiv aus Leipzig. Antlers und vor allem CNTMPT ist für mich mit das Beste, was Deutschland an Black Metal zu bieten hat – obwohl das an sich noch kein großes Kompliment ist. Außerdem Victims of Classwar. Und aus Berlin sind immer Essenz zu empfehlen. An neueren Projekten fällt mir noch Krüppel und Isten ein.

Was werden wir im Jahr 2016 noch von dir, beziehungsweise deinem Label hören? Schon was neues in der Rampe?
Als erstes gibt’s ein neues Album von Sunshine & Lollipops, „Empty (Always Look On the Dull Side)“, das vorraussichtlich am 29.2. auf CD rauskommt, Vinyl und Kassette folgt später. Dann sind eine Tape-Version vom ersten Hermann-Album und ein Tape von Neverchrist aus Brasilien geplant, und es gibt vage Ideen für eine sagenhafte Live-Veröffentlichung von Der Feind. Mit viel Glück nähern wir uns auch einem neuen Wigrid-Album, das allerdings noch im Songwriting-Stadium steckt. Siniestro werden ein neues Album veröffentlichen, aber es ist noch völlig offen, ob BHN dafür ein Medium übernimmt.
Von Verlagsseite kommt ein englischer Gedichtband von Karl Cointreaux mit dem Titel „Gutting the Siren, Disbudding the Unicorn“, eine Hörbuch-Version von Gaston Latz‘ Gedichtband „Mythos Ficken“ und die erste Ausgabe eines zweisprachigen Literatur-Magazins, das einfach „The Bleeding Heart Nihilist“ heißen wird, in dem jeweils einige ausgewählte Autoren mit exklusiven Beiträgen vertreten sind. Außerdem arbeite ich an der offiziellen deutschen Übersetzung der Autobiographie des mittlerweile verstorbenen, legendären Drummers von Frank Zappas Mothers of Invention, Jimmy Carl Black.

Letzte Möglichkeit noch was loszuwerden.
Ich hab‘ wahrscheinlich schon mehr als genug gelabert, aber gut…
„Das große Leiden aller Philister ist, dass Idealitäten ihnen keine Unterhaltung gewähren, sondern sie, um der Langeweile zu entgehen, stets der Realitäten bedürfen.“
Ich mag niemanden leiden sehen. Unterstützt unterhaltsame Idealität durch Kauf realer Tonträger.

Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg!
Selber!

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Atmofear

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