WØLFENSTEIN – STAEDTER

wolfenstein-staedterDie Stuttgarter Punks von WØLFENSTEIN bringen eine neue Platte raus. „Staedter“ heißt sie und ist die erste Full Length der Band. Das ganze ist ein Konzeptalbum, das auf dem Gedicht „Staedter“ von Alfred Wolfenstein aufgebaut ist.

Dicht wie Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte stehn.

Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, wo die Blicke eng ausladen
Und Begierde ineinander ragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle:

Und wie stumm in abgeschlossner Höhle
Unberührt und ungeschaut
Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.“

alfred-wolfenstein

Diese Zeilen vermitteln schon, was beim Hören der Platte auf euch zukommen wird. Das ganze Album vermittelt eine frostige, einsame Stimmung und passt perfekt zu einem Spaziergang durchs Plattenbaugebiet einer Ostmetropole eurer Wahl. Für mich war das Album ein ganz besonderes Erlebnis. Allein das Cover hat bei mir schon für Gänsehaut gesorgt. Diese simple Aufmachung ist grandios, schön trocken und ohne Schnörkel steht dort „Staedter“. Dazu dieses atemberaubende Bild eines Plattenbaus – allein beim anschauen wird einem kalt. Auf der Rückseite des Covers stehen dann diese Zeilen aus dem Gedicht von Alfred Wolfenstein: „Unsere Wände sind so dünn wie Haut, dass ein jeder teilnimmt wenn ich weine. Unser Flüstern, unser Denken wird zu Gegröle“. Diese Worte brennen sich richtig ein, man hat sie die ganze Zeit im Kopf, während man die Platte hört. Mich hat diese LP auf eine Reise geschickt, eine Reise zurück zu einer chaotischen Zeit meines Lebens. Ich habe 2 Jahre, nach dem ich als 18 Jähriger bei meinen Eltern ausgezogen bin, in einem Plattenbau-Viertel in Jena gewohnt. Lobeda-West hieß diese Drecksgegend, ich hatte ein Zimmer in einer Studentenwg im 5. Stock eines Plattenbaus. Ich hatte dort keine gute Zeit. Trotz das überall um mich herum Menschen waren, habe ich mich kalt und einsam gefühlt. Ich habe mich die meiste Zeit in meinem WG-Zimmer vor der Außenwelt versteckt, ich hatte ja eh zu wenig Geld um am Leben in der Außenwelt teil zu haben. Mein Zimmer war total verdreckt, ich war zu faul und zu schlaff um dort aufzuräumen. Außerdem habe ich keinen Sinn darin gesehen, da ich ja eh in einem Drecksloch in dieser verschissenen Stadt gelebt habe. Die Wände waren dünn, die Nachbarn konnten meine Nervenzusammenbrüche hören und ich wurde jeden Morgen durch die lautstarken Streits des alten Ehepaares geweckt, dass ein Stockwerk tiefer gewohnt hat. Wenn ich an diese Zeit zurück denke wird mir unwohl. Es war eine chaotische Zeit, in der ich nicht wusste was ich mit meinem Leben anfangen soll und mein Selbstvertrauen am Boden war. „Staedter“ wirft mich in diese Zeit zurück, doch ich fasse dies nicht negativ auf, sondern als dokumentarischen Trip durch 2 Jahre Plattenbau-Elend.

Das Intro der Scheibe ist wie ein musikalisch in Szene gesetzter Alptraum, getrieben von Existenzangst und schlechtem Gras. Düster drückender Drone-Sound und creepy Soundeffects. Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter. Dieses Ticken. Extrem beklemmende Atmosphäre. Nach dem Intro bolzen WØLFENSTEIN bei „Klamm“ massive Tonwände durch die Boxen. Irgendwo zwischen Crust und Dark Hardcore siedelt sich der Sound der Stuttgarter an, in diesem Track überzeugen die chaotischen Riffs und Part mit fiesem Tieftöner-Sound, der sich elend durch die Gehörgänge schleppt. Mein Highlight auf Seite A ist der Song „Hollow“, hier werden viel mehr schwarzmetallische Akzente gesetzt. Düstere, wunderschöne Melodien wechseln sich ab mit knallhartem Geballer. 98 Sekunden musikalischer Wahnsinn, eine Deklaration des Chaos im menschlichen Hirn . Ich bin wirklich begeistert. Auf der Seite B der Platte haben mich die beiden letzten Tracks am meisten fasziniert. „Staedter“ bietet den thematischen Überbau der Platte, die Lyrics enthalten eine leicht abgeänderte Version des Gedichtesvon Alfred Wolfenstein. Musikalisch untermalen die Stuttgarter diese bedeutsamen Zeilen durch total wütendes Punk-Gedresche in sehr hohem Tempo, bis es dann am Ende des Tracks herzzerreißend-melancholisch wird. „Wir sind alleine“ – Nie haben sich diese Worte so in mir festgesetzt wie nach dem Hören dieses Tracks. Der letzte Song der Scheibe heißt „Die Dummen waren noch nie so laut wie heute“ und bietet textlich eine verbale Attacke auf das ganze Wutbürger-Gesindel. „Hier herrscht die Diktatur der Ignoranz“ – eine treffende Beschreibung für dieses Scheißland und seine dummen Proleten. WØLFENSTEIN überzeugen bei diesem Song mit einem dicken Blastbeat-Gewitter und einer genialen Mischung von Emo und Black Metal Sound. Kalte Riffs, die trotzdem süße Melodien transportieren und am Ende im Herzen hängen bleiben. Musik wie ein Gefrierbrand!

Fazit zur gesamten Platte: „Staedter“ ist ein Meisterwerk. Ich bin ohne jede Erwartungen an diese Scheibe herangegangen. Das einzige WØLFENSTEIN Release, das ich bisher gehört habe, war die Split mit KAPYTAEN. Aber die habe ich auch nur gehört, weil ich KAPYTAEN sehr abhype und die WØLFENSTEIN Seite der Split hat mich damals nicht so begeistert. Was die Stuttgarter jetzt mit ihrer Full Length abgeliefert haben, ist grandios. Das ganze Album ist wie ein Horrortrip durch die ekelhaftesten Plattenbauviertel dieser Welt, vorbei an Straßenschlägereien, Methdealern, Getränkemarkt-Nazis und einsamen Studenten, die in ihrer abgeranzten Blockbutze günstigen Fertigfras in sich hineinfressen und sich dann in den Schlaf crywanken. (Lobeda-West Represent Motherfuckers!)

wolfenstein-bandfoto

Diese Platte verdient einen Hype. Wir streamen die ganze „Staedter“ LP über TRVEFRYKT! Im Laufe des Tages geht der Stream online. Checkt das aus.

Bis dahin könnt ihr euch WOLFENSTEIN auf Facebook und Bandcamp reinziehen.

Viel Spaß!

Mit freundlichen Grüßen aus der ostzonalen Provinz, dem Plattenbau entkommen und so fresh wie dieser Prinz aus Bel Air, Flix.

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