Oaken Heart – Alluvium

oakenheartHarmonische Wellen, ein malerischer Strand, behütende Gezeiten – das perfekte Versteck für die vom Leben gebeutelte Seele.  Das klingt beinahe zu makellos? Stimmt, denn der Strand färbt sich schnell aschgrau, die Wellen werden ölig von Teer benetzt und die Seele wird überzogen von dem, was die reißenden Strömungen der Zeit so auf die Sandbank des Seins treiben.  Heute fand ich doch gar eichiges Treibholz an diesem Strand. Das dunkle Herz einer im Odem der Existenz zerfressenen Eiche trieb mir vor die Füsse. Manchmal sanft und beruhigend schwebend, dann rau und brutal auf den Grund des Sees der Realität zogen mich OAKEN HEART mit ihrem neuen Album ALLUVIUM. 

Selten hört man heutzutage deutschsprachigen Black Metal aus dem Osten, der sich aus den braunen Gefilden des Bermuda-Sachsens raushält, aber dann auch noch so ein spezielles Stilgemisch einer Kapelle zu finden, das ist die Santa Maria unter den Seefunden.  Merklich kalt wird man auf ALLUVIUM schon von Ebbe und Flut begrüßt, doch kardiale Unterkühlung droht spätestens dann, wenn man den verzweifelten Allüren der Vocals sein waches Gehör schenkt.
Instrumental treibt man hier genau dort umher, wo sich die vier Leipziger selbst einschätzen: „Located somewhere between blackish riffing, crusting soundwalls and cheerful melodies.“. „Blackish“ passt wie die Faust auf’s Auge, denn die düster-aggressive Rastlosigkeit der Gedanken, die nicht nur, aber vor allem in den „gesprochenen“ Gesangspassagen vieler Lieder, wie z.B. der Ouvertüre TIDE, deutlich spürbar wird, zeugt von der finsteren Essenz dieser melodisch doch eher aufbauschenden Klang – und Melodiepalette.  Außen baut sich schnell, Lied für Lied, ein Hoffnungsschimmer auf, der durch teils wild geschriene, teils ruhig gekrächzte, tiefgehende Lyrics ebenso so schnell, ehe das Ohr sich verhört, entfärbt und entsättigt wird.  Apropos satt! Der Sound des Albums ist ordentlich prägnant und immer voll da, was den Hörer vor allem in so manchem langsam sterbenden Schlusslicht eines Liedes, aber auch in, nahezu unbeträchlich gering, verwirrend zusammenwachsenden Soundspuren, wie man es manchmal erwartet und kennt, von allen Instrumenten samt Gesang mit reichlich Anwesenheit versorgten Höhepunkten erfreuen dürfte. ohband Das Schlagzeug ist ebenso deftig „blackish“ und optimal auf klimaktisch eingeleitete Breaks und crustige Faustschläge eingestimmt, zudem die meisten der stilvoll eingesetzten „Hymnen“, die den leicht popigen Touch der Band so unique machen, gut durchdacht auf alle Teile der Band aufgeteilt und gestützt sind. Viel Raum für gelegentliche Überraschungen ist ebenso geboten, wenn z.B. beim Track GRENZWERT ein ordentlich finsteres Riff schlagartig hallend unterbrochen wird, einige donnernde Akkorde und Drumschläge einen Sturm versprechen und jene Stimmung dann plötzlich komplett in groovige Ekstase umschlägt, bevor Gesang und Gitarren sich wieder in der Anarchie der Zweifel, dem Labyrinth der Gedanken, verlieren. Wenn ich ganz ehrlich bin, hab ich mich in diesem Release anfangs ziemlich verirrt. Ich konnte es kaum richtig verstehen, da ich es zu Beginn völlig illusioniert und mit dem falschen Ansatz hörte. Rein musikalisch war ich sofort im Netz des splittrig-vernebelten Kutters, der mir da in den Hafen krachte, auf dem Ufer meiner Anlage aufsetzte und sich danach nicht wieder lösen ließ, aber ich war wohl kaum gefasst auf den dornigen Irrgarten surrealer Bilder, den es in meinem Kopf hinterlassen würde. Je öfter ich dann jedoch diesem großen, einzigen Monolog einer gekerbten und nackt entmantelten Realität mein Gehör schenkte, desto mehr verstand ich letztendlich, wie stark dieses Album in seinem Stamm und den Wurzeln ist.  Zu aller Anfang wusste ich nämlich nicht genau, was ich von OAKEN HEART mit ALLUVIUM halten sollte, das gebe ich zu, jedoch merkte ich, wie schon erwähnt, mit jedem weiteren Durchlauf, wie sehr ich dieses Album eigentlich schätze, wie sein einzigartig kontrastreicher popiger, aber dennoch unheilvoll finsterer Charakter meinem Ohr und meinen Gedanken schmeichelt, obwohl sein Inhalt auch rasend, wie ein Wildherz vor dem lichtentzogenem Auge eines Gewehrlaufs, zum Messer werden kann, das die reibungslose, glatte Fassade, das von Makeln befreite Antlitz der Wirklichkeit, zerschneiden und verunstalten kann. Und das ist auch gut so! ohlp
Ich hab mich, für meinen Teil, komplett in das gefährlich reale Abbild vom Kern eines Daseins verguckt, welches uns OAKEN HEART mit ALLUVIUM liefern.  Passend zum Namen wird hier scheinbar der Versuch unternommen, den Fuss des unbeleuchteten Bewusstseins aufzuzeigen, dessen Tiefe dem bisher fast unerreichten All für den erdgebundenen Novizen gleichen möge, doch für den Teil, der hier reflektiert dargestellt wird, trifft das Quartett auf reichlich glaubwürdige und emotional geschwängerte Stärke, bzw. mehr als zugleich abstrakte, aber dennoch sinnhaft reale Darbietung einer zeitlosen Dimension, die sich allzu gegenwärtig wirkend in die Hirnrinde schabt und es einem nicht gerade leicht macht, von ihrem Sog nicht zu Grunde gezogen zu werden, wo ein verzweigtes Netz aus Fragen, Ängsten und schmerzvoll bittersüßen Erkenntnissen grinsend zum Kreuzverhör vorlädt.

Allgemein kann ALLUVIUM sich verdammt gut hören lassen. Die Startschwierigkeiten, von denen ich anfangs sprach, müssen nicht zwangsweise jeden ereilen. Im Gegenteil, man spürt viel Gefühl und Liebe fürs Detail und das gleich von der ersten Sekunde an, wenn einen eisige, klare Noten wie Eisbergspitzen im schwarzen Nichts der Polmeere als Vorboten der größeren Schollen, die ihnen folgen, erwarten. Von mir aus könnte die ganze Sache noch länger gehen, aber mit etwas mehr als dreißig Minuten und sechs Songs, die sich in einer Zeitspanne von etwas mehr als fünf bis einmalig fast acht Minuten erstrecken, kann man schon sehr zufrieden sein, denn ich könnte nach dem gehörig kraftvoll, aber dennoch ausklingenden Abschluss und Stromstoß von WATT sofort noch einmal die Replay-Taste drücken.Je tiefer ich in dieses Album einzutauchen versuche, desto mehr verschlingt es mich wie ein Schwamm. Der Abgrund, der hier vor einem aufgeworfen wird, empfängt den nichtsahnenden Zuhörer kühl, den Atem miasmatisch vernebelnd und hart wie ausgeglühte Asche auf einem nass glänzenden, speerartig-spitzen Stein. Kaum Traktion, kaum Halt findend kriecht man, bzw. reißt es den akustischen Observator und Genießer von Song zu Song und hat man den Inhalt des ersten Stücks noch nicht abgebaut, wird man höflichst zum nächsten Kniefall der starren Einsicht gebeten.  Ich fühle mich wohl im Dunkel, wo kein Licht mich rührt, also schweife ich gern dahin, wo mich diese Flut hinführt.

Ich kann jedem Leser hier raten, diese Platte mehr als einmal zu hören, nicht zu spulen und bewusst zu lauschen, denn für knapp über dreißig Minuten werdet ihr hier in Gefilde gespült, die sich auch unbewusst gut hören lassen.
Wie euch nun nach meinen holprigen Beschreibungsversuchen klar sein dürfte, ist es schwierig, den Stil und die Aufmachung dieses Albums in seiner Gänze zu beschreiben, daher rate ich euch wirklich, diese Platte und diese Band einfach selbst zu erleben. Gönnt euch die Jungs vielleicht sogar live und wenn es euch gefallen hat, dann kauft euch geilen Merch, denn einen sympathischen Eindruck haben sie bei mir auf jeden Fall schon hinterlassen, ohne, dass ich mit ihnen gesprochen habe.
Seit August könnt ihr ALLUVIUM auf Bandcamp digital erwerben oder sogar als 12″ LP bestellen, was sich bei der klasse gemasterten Tonbearbeitung – meine Props an Die Tonmeisterei in Oldenburg – und dem, vor allem für mich als Kunst-Enthusiast, sehr gut gewählten und wunderschönem Artwork von Nelly Hempel, nach einer wertvollen Investition anhört.

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