TRVEFRYKT ZINE

Vukari – Matriarch

vuEin Epos der Traumwelt – eine Tragödie in Moll. Wenn das klare, mit weißem Schnee bedeckte Eis auf den Kappen eines schlafenden Giganten, der nur sanft vom Dunkel einsamer Bäume in Kontur geformt wird, in den züngelnden Flammen einer unnachgiebig gnadenlosen Mittagssonne stirbt und von seiner schiefergrau durch den letzten Morgentau schimmernden Kehle rinnt, tropft der glasklare Klang vom majestätischen Rauschen eines kaskadischen Black-Metal-Quells durch meine Ohren. Der akzentuirte Wasserfall, den VUKARI mit ihrem neuen Album MATRIARCH von den verkalkten, speerartigen Felsen der Hochgebirge in die sonst düsteren Stromschnellen unzähliger Täler in unmittelbarer Nähe absetzen, ist außergewöhnlich formenreich.
Was für ein Konzert entbrennt hier, wie durch schneeverwehte, nebelverhüllte Bergzinnen hindurchzüngelnd, einen Flächenbrand in den Ohren eines Menschen?

Begrüßt wird man auf MATRIARCH, schnell hypnotisch bannend, vom zur Ohnmacht reißenden Grollen eines nahenden Kolosses, der sich im Flugfeld eines einzelnen, winzigen Vogels lautstark wähnend herannaht, während das grazile Wesen ganz leichtfüßig seine Bahnen durch den wolkenlosen, einzig von Nebel durchtriebenen Himmel, wie ein Pfeil durch miasmatischen Dunst, gräbt.

HER BONES RATTLE IN THE WIND ist der Opener und er weckt ein flüchtiges Schimmern im jungfräulichen Gemüt des stillen Observators, was ihn wohl noch nachbeben möge, nachdem der Riese verschwunden sein mag. Ein aus der Tiefe kriechender, atmosphärischer Teppich, unterjochenden Donnerns, der vom Hall einer traumhaft aufgewirbelten Gitarre zum ersten Wendepunkt dieser vielversprechenden Ouvertüre begleitet wird, wie es kontrastreicher nicht ginge.
Doch, dass sie, gezielt wie ein Chirurg, Kontraste setzen können, zeigen VUKARI in den folgenden geschätzten dreißig Minuten immer noch einmal mehr als gedacht.
Und so kam es, dass besagte Knochen der im Wahn der Zeit verendeten Göttin sich dem Tanz im Winde untersagten und der trauernde Gigant im schlafenden Berge brach in Wehmut tosende Lawinen vom in Eis gebadeten Kinn seines steinernen Mantels ab, um sie im Donnern eines sturmartigen, ersten Blasts auf mein Haupt zu schleudern. Und durch das reißende Zischen des Sturms hörte ich dennoch das wärmende Ziehen des Windes durch das Federwerk jenes immer noch umherschweifenden Vogels, der akklamierenden Gitarre, dessen Bahnen sich im Dickicht des, durch Schmerz und Einsamkeit verwaschenen, Spross bleicher Schreie in Qual und Verzweiflung, hell und wie im aussichtslosen Wettkampf durch die finstere Atmosphäre des in Leib und Seele gekrümmten Riffs scharrten.

In einem scheinhaften Bündnis ausartend und verklingend leitete sich der zweite Song A HOLLOW PROMISE ein und gebar nur einen kurzen Moment der schweigsamen, bittersüß verspielten Träumerei, bevor nach wenigen Sekunden schon ROBES OF CRIMSON GOLD in lodernder Hitze aufzuflackern und seinen verglimmten Weg an die Oberfläche zu schwelen begann. Ein mächtiges, reißendes Strömen der Drums, mit erstarkten, selbstbewussten Gitarren an seiner erwachten Seite, läutete die entkrampfte Regung eines verzerrten Zusammenspiels aus allen treibenden Gewalten an, die VUKARI nun im Angesicht eines kommenden Auftriebs zur Gänze ihrer entwirrten, spiegelgläsern14997128_945222432250183_1332533860_nen Härte einer abscheulichen, aber zugleich anmutigen Wohlgestalt antrieben.
Mit einem kurzen Erkalten der Hitze und einem in die Regungslosigkeit geworfenem Wüten, verschnauft das graue, kurbelnde Ungetüm für einen kaum vollendeten Moment der Rekapitulation, bevor das Lied in einer Entfaltung zuvor entzündeter Flut erdrückender Gefühle ausartet.
Die uneingeschränkt sauber hörbaren Füsse der Drums entfalten im absoluten Klimax, gekonnter Auffaltung des Spannungsbogens, nun ihre gesamte Kraft und Präsenz, denn sie gleichen bis zum Schluss mit vernichtender Massivität und Belastung beschlagener Hufe tausender, schäumend und glühend, in einen Abgrund lebensverschlingender Stille getriebener, schwarzer Rösser, deren brüchige Formation sich gänzlich am näher rasenden, nass-kalt verglasten Gletscher entlädt und zu einem verzweigt gefaltetem Delta aus sphärischen Traum-Melodien entknotet, sobald BRUISED SKIN ON COLD STONE, der vierte Song auf diesem Tongemälde seine wuchtig psychedelischen Flussarme für wenige Augenblicke in ein versunkenes, spektrales Vakuum windet.

Jetzt, wo MIDWIFE, der fünfte und vorletzte Song dieses Schaffwerks, sein erfüllt bis zum ersten Aufschlag erbrachtes Dasein für den Anfang relativ krächzend mit stichelnden Gitarren, gleich einem rhythmischen, jeglicher Perfidität widrigen, zikadischen Zirpens, bekundet, merke ich erst richtig, dass VUKARI sich mit den letzten beiden Stücken das, mit den ungetrübt stieren Juwelen und steinhart-spröden Knochen ihrer unscheinbar glorreichen Arbeit versetzte Kronenstück, den Fächer und das Zepter des Pfauenkönigs aufgesetzt und sich im unmündigen Ohr und zumal einstmalig brüchigen Gedächtnis des in reinster mentaler Verschlossenheit und Trance, im Überdruss staunenden Zuhörers, verewigt haben. MIDWIFE ist der, mit fast neun Minuten, längste und zugleich, im Verband des unglaublich vielschichtigen letzten Songs, pochende Anfang eines vielgesichtigen Soundmonoliths, der sich mit einer langen Schleppe aus, auf pulsierende Drums, gleich Herzschlägen, gestickten Synthschleiern, aufwebt und mit einem Snare-Schlag in eine, dem filigranen Schweben des ersten Songs ähnlicher Brandung hinüber geschwemmt, zu einem immer weiter steigenden Herd eines betrübten Grams wird, der sich von seinen strickführenden Obrigkeiten an den Instrumenten nun letztendlich bis zum Schluss durch eine hügelartige Senke aus Talsohlen tiefster, gequälter Einkehr und Bergwipfel äußerster Inbrunst und Aggressivität umherschwingt.

SHE NO LONGER SINGS HIS NAME beginnt mit dem Widerhall und den letzten Zuckungen des nun vollends am Boden liegenden MIDWIFE, dessen letzte sakrale Schwüre sich noch im Echo des Waldes verirren, um letztendlich alsbald verloren zu gehen.
Der nun erreichte letzte Song von MATRIARCH bringt schnell den ohnmächtigen Sprint eines Blasts im Epizentrum des Orkans zurück, der folglich zu beginnen droht und so trifft es zu, dass sich das emotional verkapseltste Lied auf diesem Album allmählich zwischen kraftvollen Sturmböen und rhythmisch verträumter Wiederkehr eines Sinnbilds invertierter Selbstreflexion hin – und herreißt, bis die anschwellende Aufwallung des letzten Akts sich in totalitär einnehmender Stille und einem sorgfältig begrüßend ausgeprägten Hall selbst zum Erlöschen bringt.vu2Die nun folgenden ca. acht Minuten beschaulichen einen unnachgiebigen Angriffsritt, der durch kahle Fanfaren des Gesangs in bildhafter Stränge untermalt, preschend, förmlich unverdrossen krächzend und kriechend ausgeschöpft wird und sich im kantigen, aber dennoch flüssig durch die bildhauerische Atmosphäre fetzenden Reißgezähn der Gitarre, nur punktuell eingesetzt, durchschlägt. Trübsal und Skepsis infizieren unentwegt das wiederschallende Leid der gipfelnden Vocals und bringen mit einem absolut klar gesetzten Punkt, ein Element der Trauer und Sehnsucht zum Erklingen, das ich mir jetzt, an diesem Zeitpunkt gerne zur Entfesselung gebracht vorgestellt hätte.
Und es passierte. Ein luftig rein und erfrischend transparent gespieltes, felsenfest ertrauerndes Klavier setzt zugleich im Kanon mit einer clean gespielten Gitarre zur letzten Resignation an, bevor das finale, schwerfällige Stampfen, des zu Fall gebrachten Titanen im einschneidenden Aufblitzen, einer Schar aus Pfeilen gleich, eines Rauschens auf die letzten, tiefen Wehlaute, seines aus tiefster Seele grollenden Hauptes niederfällt.
Sowohl Gesang, als auch jegliche Instrumente und ganze Stücke zugleich, weisen über das gesamte Album hinweg eine so reiche Zahl an Effekten, Wandlungen und wiederkehrenden stilistischen Mitteln auf, dass es schwer ist, hier etwas zu bemängeln.
VUKARI haben mit MATRIARCH einen Epos romantischer und weltvernarrter Schrecken und eben gleich Grazie geschaffen, das sich im Kampf mit den Gleichnissen und Ungleichnissen zwischen Verlust, Sehnsucht, Aufstieg und Fall beschäftigt, wie es illustrativer selten vorkommt.

Apropos illustrativ:
Das Artwork ist umso trefflicher gewählt, denn was ich auf dem Cover zu sehen scheine, spielt mir mein Gehör in ähnlicher Form bildlich vor:
Ein ruhender, verstummter Schädel, tief verankert im Herzen stillem Wurzelgeästs und weit in der Ferne thronender Bergfüsse, der den wohl eingebettet verwachsenen, aber dennoch aus der malerischen Ästhetik der wonnigen Natur herausstechenden Kontrast bildet, der im Zentrum dieser atmenden Waage aus Monstrosität und Schönheit bildet, welchen die Natur verkörpern möge.
10616182_774826949241311_6639573273502086437_n.jpgVUKARI versuchen weder aufgesetzte Boshaftigkeit, noch fiktive Gewalten jener Furcht im Kern des Menschen zu erzeugen und ermöglichen es, für fast dreißig Minuten zu zeigen, dass sie diese auch nicht brauchen, um einen machtvollen, prächtigen Eindruck zu hinterlassen.
MATRIARCH beschränkt sich auf die ursprünglichste, primitivste Form angst – und respekteinflößender Skrupellosigkeit – die Natur. Das immerzu tobende Wechselspiel zwischen der unübertrefflichen Ästhetik und Schönheit der Gaia, im Gegensatz zu den tiefsten Schatten ihrer urzeitlichen Macht, dem wirkungsvollsten aller Instrumente auf dieser jungen Welt – und genau das, dieser gleitende Widerspruch uneins gewordener Kräfte vom unparteilichen Geben und Nehmen von Leben, ungewolltem Aufbau und ungeachteter, willkürlicher Destruktivität, ist es, was VUKARI hier wundervoll darzubieten vollbrachten. Jedes Instrument, jeder Akkord, jeder Stimmungswechsel, jede Note, jedes Wort und jede Pause wirken so unglaublich perfektioniert in ihre Fassung eingesetzt, dass jeder Effekt, jeder Klang und jede Windung dieses Bündels reinster Aufopferung für die bildlich werdende Leidenschaft, sich, zur vollsten Entfaltung gebracht, in eine Explosion ungetrübter Wahrnehmung eines Moments hineinführt, dessen Charakter und Sein in den Körper dringen, um über den Wohlgefallen allein wahrhaft in gutmütiger Großzügigkeit Selbst walten.sa Ehe diese Review weiter ausartet und ich noch viel mehr schreibe, kann ich nur sagen, dass ich dieses Album jedem Fan von natur – und emotionsgebundenem Black Metal empfehle. Es kommt einem beim Horen kürzer vor, als es eigentlich ist, was daran liegen kann, dass alles so optimal auf den Empfang des Gemüts eingestellt ist.
Einzig und allein die Übergänge von Lied zu Lied könnten flüssiger kommen. Sie wirken leicht abgebrochen und reißen die Stimmung für einen kurzen Moment nieder, was VUKARI aber durch flüssige Einleitungen und Abschlüsse rein spielerisch wieder ausgleichen. Ich bin sehr beeindruckt und empfehle euch die Jungs zu unterstützen und mal bei den anderen Releases von Vendetta Records, ihrem momentanen Posten in Berlin, vorbeizuschauen.Ich bin sehr gespannt auf die nächsten Geschichten und Epen ferner Welten, die VUKARI uns bereit sind zu erzählen.

 

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VENDETTA RECORDS

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