TRVEFRYKT ZINE

Morgenstern Fest II – der Hauptstadtmoloch

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Krawumm!
Ein trüber und verregneter Dezember neigt sich wie ein letzter Atemzug dieses Jahres dem Ende zu.
Wie jedes Jahr nähern wir uns dem Neubeginn eines fortwährenden Kreislaufs, dessen Pünktlichkeit wir mit den Feuern und Farben seiner ersten Geburt feiern.
Das große Vergessen beginnt und wir schaffen Raum für neue Eindrücke und Bilder eines aus der Asche seiner Vorzeit geborenen, unberührten Zyklus voller Möglichkeiten.
Und so wird vieles vergessen, was war, was kam und was gedeihte, um dem neuen Licht den Hof zu machen.
Doch bevor sich der leuchtende Tagesschimmer, der frische Tau einer neu datierten Zeiterfassung, über unsere frierende Erde legt, müssen wir über diese zwei finsteren Dezember-Nächte reden, die wir nie zu vergessen im Stande sein werden.
Berlin, seine Gassen, seine Straßen und sein farbenträchtiges Herz, wurden vergangenes Wochenende geschwärzt wie ein weißes, unbeflecktes Laken in einem Meer aus Tinte – das MORGENSTERN FEST II, wie der Name schon sagt, der zweite Spross seiner Linie, brachte Unheil und Verderb in die wohl empfangenden Arme und Ohren seiner Jünger.

Alles begann bei uns mit einer Fahrt. Wir bespannten unseren gemütlichen Karren, brachten genug Geballer aus den letzten Shows mit, das wir uns drücken konnten und freuten uns riesig, dass Ben, der Veranstalter und einer der schlauen Köpfe hinter der ganzen Sache, uns als Import für die Feld-Küche in Betracht zog und einlud.
Nino, Max und ich beschäftigten uns in den darauffolgenden zwei Tagen damit, riesige Töpfe und Kellen zu schwingen, wie mordlustige Küchenteufel im Zirkel des Höllentrichters, um ein angemessenes Band-Essen für diesen Anlass servieren zu können.
Ben empfing uns herzlichst zusammen mit seinem Team. Die Kommunikation und Zusammenarbeit lief rund und wir konnten uns vollkommen ausleben.
Währenddessen, bzw. auch nach einigen stärkenden Speisen und Krawumm-Ritualen am zweiten Tag dann, hatten wir beste Möglichkeiten, uns mit den herrlichen Persönlichkeiten hinter den Bands und dem Team dieses Festivals zu unterhalten und mit ihnen genau diese düstere Messe zu zelebrieren.
Was nun folgt, ist das, was sich an jenem unglaublich genialen Wochenende zutrug.
Wir beginnen mit der relativ jungen,vierköpfigen Band ÅND, die ein gelungenes Heimspiel als Opener an den Tag legte und für erste Euphorie in den, sich allmählich füllenden Reihen sorgte.
Der brachiale Start dieser vier Berliner mit einem sehr punkigen, groovigen Stil sorgte für erste Kälteschauer im aufgeheizten Saal. Checkt ihre Demo auf Soundcloud, wenn ihr Terra Tenebrosa feiert und selbst, wenn nicht, checkt sie einfach aus – es lohnt sich!
Während die Wilhelmstraße 9 so langsam an menschlicher Dichte zunahm, während auf Finsternis scharfe Köpfe durch den Einlass taumelten, richteten die niedersächsischen Paralysatoren von FARSON ihre, im Verstand einsinkenden Melodien und aufrauenden Stürme auf so manches leicht überraschtes Gemüt. Wer die vier Post-Black-Gewitterer noch nicht kennt, sollte sich unbedingt ihr diesjähriges Release ERODE gönnen, denn die Göttinger verbinden shoegazende Traum-Schleier mit zerfetzenden Orkanböen aus Blasts und reinster Verwüstung.
Wie immer, gab es nun eine kurze Verschnaufpause, die nach jedem Act auch verdammt nötig war, um sich mal wieder in die Realität einzufinden, wenn ihr mich fragt.
Nachdem HEXER, einer der Geheimtipps aus dem Ruhrgebiet, selbst, wenn ihr mich nicht fragt, dann aufgebaut hatten, sank jeder Takt unter dem kosmischen Konstrukt aus okkulter Magie und Sternnenregen, den die jungen Dortmunder Hexenmeister dort beschwörten, wie ein bröckelnder Mond, der in die Erde hineinsickerte.
Wir hatten die Jungs am Wochenende zuvor schon in Weimar zu Gast und waren verdammt beeindruckt, persönlich, wie musikalisch sind die Jungs, von uns aus gesehen, auf ziemlich dicken Schienen unterwegs.
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Der massive Monolith, den HEXER während ihrer Show dort ins Tommyhaus meißelten, wurde bald darauf von den Hammerschlägen der nächsten Band, KVLTYST, massakriert und maltretiert, bis jeder Muskel zu ziehen begann und man schon merklich ausgelaugt versuche, den fünf Münchner Fluchbrechern zu huldigen.
Eine satte Show, voller saftiger Höhen und schwerer Tiefen bereitete jedem Besucher einen letzten Stoß, bevor sich THRÄNENKIND, der Headliner des ersten Tages, die Ehre des Gnadenstoßes erwiesen.
Viel Gnade ließen sie jedoch nicht walten, zählt man einige der eher gefühlvollen Passagen als nur allzu scheinbare Verschnaufpausen nicht dazu, denn die Kraft und das Ausbrechen eines gesamten, stark gefüllten Saals zog sich auch durch jede einzelne Darbietung und Präsenz der Bands des, in unseren Augen, erfolgreichen Freitags.
Wir hatten nach der letzten Show noch einmal gute Möglichkeiten von unserem Stand aus mit den Persönlichkeiten hinter den Bands zu sprechen und zu feiern, was sich als wahre Goldgrube, vor Sympathie und Freude strahlender Charaktere herausstellte.

Sehr gechillt genoss jeder von uns den Samstagmorgen in der Stadt des Bären auf seine Weise bis es gegen frühen Abend wieder in die Küche ging, um Opfergaben und Verpflegung für die sechs Bands des letzten Tages vorzubereiten.
Mit der Krawumm, einem Zepter der Macht, bewaffnet rissen wir blutrote Wellen in den überdimensionalen Töpfen der Wilhelmstraße 9 auf und vermengten weitere Mitgifte und rituelle Beigaben zu einem Mahl für die, uns nun bevorstehenden Kapellen und Monumente der Finsternis.
Wie BRACHE, die drei Jungs aus Oberursel, die uns als Opener des Samstags mit einer Show einrichten sollten, die ich im Leben bisher nicht erlebt habe. Ähnlich dem Prinzip von HEXER rissen sie einen Kosmos aus obskurer Schnelligkeit in ein Meer aus tiefgründigen Zweifeln und der weiten Leere unserer Welt hinein und überwältigten so einige Besucher gleich zu Beginn.
Die drei Jungs machten einen unglaublich soliden Eindruck für ihr eher frisches Bestehen, was diesen Moment noch viel stärker verschärfte.
Ebenso wenig zimperlich ging es mit PATH, den drei Osnabrücker Finste15665395_1796289123966369_9009565992367420169_nrkrähen aus Schmieden, die nur zu genial von Bands wie Summoning geküsst, von deren Palette sie ein ganz besonders kultiges Lied inszenierten, den Raum beschallten, wie das dünne Kerzenlicht, das ganz zaghaft, aber dennoch kräftig den Raum in Blässe ergänzte.
PATH wirkten sicher, die Einspieler, die Atmosphäre und das Setting passten, sodass man schnell in einem archaischen Strudel durch Sphären geschickt wurde, deren Ausmaße mit ordentlicher Betankung in einer Flut aus Bildern endeten, die sich wie ein Holzschnitt in den Verstand zu kerben schienen.

THURM, ein vierköpfiges, lichtloses Black-Metal-Konstrukt, das sein undurchdringbares Fundament nun hinter PATH auftafelte, richtete die symbolträchtige Stille eines schiefergrauen Turmes mit rücksichtslosen Belagerungswellen hin, zerpflückte Stein um Stein jede Fassade und zeigte im seinem Kern eine Show, die nach Vergeltung trachtend in Blitzen völliger Entladung ausbrannte, wie der Bergfried einer entledigten Festung des Tageslichts.
Sich immer weiter voran fressende Epizentren aus spitzen Blasts und überlappenden Rammböcken in sludgiger Tiefe schleuderten die Glut so vieler Emotionen in den Nachthimmel wie umherschweifende Kometenschauer. Ich bin sehr gespannt auf neues Material aus ihren Reihen!
Sobald das letzte Rauschen den Saal verließ, Stille einfiel wie Krähen nach einer jeden Schlacht und das Getummel aus überrascht in Zungenschlägen flüsternden Hörer-Podiums sich bis zum nächsten Auftakt entfaltete, zogen CRUDA SORTE in ihrer Heimatstadt zum Sockel der Soundgewalt empor und die vier Berliner zeigten, mit ihrer mittlerweile elfjährigen Bühnenerfahrung als jene Konstellation, kaum Scheu, vor ihrem Gefolge mit kataklysmischer Weißglut eines schleppendem Pesthauchs zu lodern.
NECROLOG, ihr aktuellstes Album, ist seit fast einem Jahr erhältlich und gibt neblig, doch klare Einblicke in ihren Stil – gönnt es euch bei Gelegenheit mal, ist sehr zu empfehlen.
Sobald sich der akustische Dunst und Qualm der Feuerwalzen legte, die soeben durch die Menge rollten, betrat der SEHER, bzw. die vier Berliner SEHER, das letzte Orakel der Betonterassen-Stadt an der Spree in den Reihen von Vendetta Records vor UNRU, den Altar, brach los und teilten ihre verstrickten Visionen mit den mittlerweile komplett in den Bann gezogenen Untergebenen dieser Hohepriester.
„Der Seher sieht Dunkelheit, Furcht und Hass.“ – heißt es trefflich auf ihrer Facebook-Seite.
Dunkelheit, Furcht und Hass waren das perfekte Vorprogramm für die totale Urgewalt, die UNRU als letzter Akt dieses Rituals entfesselten.
ALS TIER IST DER MENSCH NICHTS, ihre neueste Ode an den Zerfall, ein Manifest der Verachtung, beschreibt ihren Welten brechenden Stil nur zu gut und gehört zu den, für mich, besten Releases, die 2016 aus den toten Meeren menschlicher Entsagung gegenüber der eigenen Spezies geformt scheinen.
Was soll man da sagen? Das Morgensternfest II war der Knall, mit dem dieses Jahr hätte enden können, ohne in Scham ertrinken zu müssen. Eine Messe voller engagierter, bodenlos sympathischer und talentierter Menschen, die einer Sache gerecht wurden, deren Essenz mich traf, wie ein wuchtiger Morgenstern, dessen denkwürdige Rippen sich in meinen Schädel schnitzten, ehe ich mich versah.

Und ehe wir uns versahen, wachten wir über den Dächern und Träumen Berlins in der Kajüte für Staff und Bands auf, alles war vorüber, Monumente wurden errichtet und Erwartungen fielen in entgegen der Naturgesetze in Höhen empor, doch in unser aller Köpfen war genau dieses Fest noch lange nicht vorüber.
Wir bedanken uns bei allen, die für eben diesen Eindruck verantwortlich sind und freuen uns, mit ihnen allen dabei sein konnten, als ein Grundstein für unsere Vorfreude auf den nächsten Raubzug durchs Tommyhaus am mächtigen Kreuzberg signiert und in Stein gelegt wurde.
Wir empfehlen euch sehr herzlichst, mal die Links hier unten zu erklimmen, die Bands auszuchecken und möglicherweise auch nächstes Jahr im Dezember wieder in die Hallen des Morgensterns zurückzupilgern.

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