Farce -Ich sehe im vorbeifahrenden Auto den Unfall mitvorbeifahren in Zeitlupe und rueckwaerts

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Es begann für mich mit einem Titel, der so für sich allein stand, dass sich meine zerkratzte, zivilisationskranke Psyche sofort von ihm einwickeln ließ wie im Griff einer ausgehungerten Python.
Kennt man dieses Bild nicht? Kennt man der Metapher Ursprung, der in der unbewussten Finsternis unserer Schädelinnereien lauert und immer wieder dem Tageslicht die Zähne entgegenspreizt, sobald der Mond seine trächtigen Gezeiten auf unseren Verstand abwälzt?
FARCE, ein junges, aber mehr als talentiertes Solo-Projekt in erfrischender Brise Wiener Blutes, strahlte im August letzten Jahres mit einem Release die erhabenste Großstadt-Melancholie aus, die ein menschliches Gedankenbündel im ausgekühlten Spätsommer hätte ertragen können.

ICH SEHE IM VORBEIFAHRENDEN AUTO DEN UNFALL MITVORBEIFAHREN IN ZEITLUPE UND RUECKWAERTS – ein Albumtitel, der sich, wie eben schon beschworen, sofort einprägt, einbrennt wie teeriges Öl im vergifteten Organismus und durch den Kopf schießt, wie sanftes Blei im sauren Regen eines infektiösen Fegefeuers der eigenen Seele.
Doch genau dieses Album ist erst der Anfang. FARCE legt mit warmen Fuzz-Pop-Beats, dicken Bässen und Synths im Nachhall eines blindlings surrealen Traum-Gesangs, einen Keim in euren Kreislauf, der sowohl mit seinen gleißenden Flammenzungen auffangen und doch ganz schnell die Aussenwelt von euch abstoßen kann wie ein verirrtes Notsignal, auf das ihr zu gern verzichten werdet, solltet ihr einmal in den heilenden Scheiterhaufen dieser aufgleitend tragischen Melodik eintauchen.
„Amen.“, ließ der Wolf die Lämmer fressen – ein Alpha, das passsender zum Omega nicht sein könnte. Schon im Auftakt der ersten Töne überzeugte mich FARCE, alias Veronika, mit einem effektreichen CD-Klangkörper, dessen Narben in vielerlei Bildern und Geschichten, Emotionen und Einflüssen, seinem seelischen Wrack erst die Anmut und Schönheit in innerem Protest verleihen, die diesen Tonträger so reizvoll macht.
Sechs Titel beherbergt dieses erste Lebenszeichen von FARCE, alle mit einer physischen Lebenserwartung von drei bis etwas über vier Minuten, doch in ihrem Kern und ihrer Melodie ewig alternd, könnte euch das gekrümmte Herz dieses Tonträgers innerhalb seiner insgesamt fast vierundzwanzig Minuten Laufzeit zu neuen Ufern der lethargischen Flucht vor dieser Welt und ihren Krallen in eurem Rücken führen.

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Postige Beats fangen euch zumeist in den Echos des butterweichen Gesangs auf, dessen phänotypisches Leid und empathische Umgarnung in euch nachschallen werden wie Ringe im glasklarem, kühlem Morgentau-Dunst eines verwurzelten Teiches.
Dennoch ausgewogen effektreich und streckenweise perkussiv und saiten-instrumental sehr post-lastig, was dieser Scheibe keinen Abbruch zufügt, erstrecken sich entkrampfende Hymnen einer farbenfrohen Graustufenwelt vor euch, deren ganzheitliche Paradoxie in der Blüte ihres vielgesichtigen und angenehmen Charakters liegt.
Ich will auch nicht mehr verraten, als ich im Moment ohnehin schon tue. Jeder von euch, der möglicherweise etwas Balsam fürs entzündete Motherboard sucht, kann ihn hier sehr schnell finden.
farce3Fans von kraftvollen, doch zugleich verträumten Ausläufen einer exilierenden Freifahrt in ungewisses unterbewusstes Obdach mit hochwallenden Stücken einer sommer-artigen Auftriebfeder von ungeahnter, geistiger Schubkraft, können sich gern mal auf dieses Release einlassen und es gern auch weiterempfehlen.
Ich, für meinen Teil, habe mir ein Loch in den Bauch gefreut, als ich die CD in meinem Briefkasten fand, was euch ebenso ergehen könnte, solltet ihr diese auf Bandcamp ordern.
Mittlerweile gibt es diesen, in Vinyl gepressten Traumfänger im Smog der Bergschornsteine seit Ende Januar auch als LP über META MATTER RECORDS zu erstehen, was ich euch sehr empfehlen kann, denn sie birgt einen zusätzlichen Song, der sich mehr als lohnenswert anhört.
Es ist ein gutes Gefühl, zur Abwechslung mal ein Review zu einem so gelungenen Non-Metal-Release schreiben zu können – Danke, FARCE und MET MATTER RECORDS!
Ich bin mehr als gespannt, was FARCE in ungeahnter Zukunft noch vollbringt und releasen wird, denn genau das ist es an einem Projekt, was mir zeigt, wie man aus dem Wort ‚Gesellschaft‘ die Leidenschaft filtern und DIY durch diese Eigenschaft zu mehr als einem Wort werden kann.

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Farce Bandcamp
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